Köhlers Rücktritt - Rücktritt einer unbequemen Wahrheit
Bundespräsident Horst Köhler ist zurückgetreten. Grund dafür ist nach Köhler die Debatte, die vorletzte Woche begann. Da äußerte sich Köhler während seiner Afghanistanreise gegenüber dem Deutschlandradio, zunächst zum Afghanistankrieg, folgendermaßen:
“Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler ‘freie Handelswege’. Es gelte, Zitat ‘ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen’ und sich somit negativ auf Handel und Arbeitsplätze auswirkten.”
Das Interview als MP3-File gibt es hier. Deutschlandradio hat zwischendurch sogar die “kritische” Textstelle aus dem Artikel entfernt. Die Äußerung Köhlers, in der er einen Wirtschaftskrieg rechtfertigt, machte zunächst nur in der Blogosphäre und auf Twitter die Runde. Wenige Tage später machte ein Pressesprecher Köhlers klar, dass es sich bei der Aussage um ein Missverständnis handele. Angeblich bezog sie sich nicht auf Afghanistan, sondern auf beispielsweise somalische Piraten.
Es sei aber noch einmal daran erinnert, dass es vor über 17 Jahren schon einmal eine ähnliche Aussage gegeben hatte, damals nämlich vom Verteidigungsminister Volker Rühe:
CDU-Minister Volker Rühe formuliert in seinen Verteidigungspolitischen Richtlinien (26.11.1992) als Auftrag der Bundeswehr: “Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen”. Deutschland gilt als “kontinentale Mittelmacht mit weltweiten Interessen”.
Die Kritik zu Köhlers Äußerung, die mit dem Afghanistankrieg in Verbindung gebracht wurde, soll nun zu seiner Entscheidung geführt haben, sein Amt als Bundespräsident niederzulegen.
War es wirklich nur ein Missverständnis oder hat Horst Köhler mal das auf den Punkt gebracht, was sich bisher kein anderer Politiker zu sagen traute? Dass der Afghanistaneinsatz nämlich dem Grundgesetz widerspricht. Horst Köhler hat allen einmal deutlich gemacht, dass es eben kein humanitärer Einsatz ist, in dem sich die Bundeswehr befindet. Also endlich mal jemand, der die Karten offen auf den Tisch legt und nicht erneut das selbe Geschwurbel wie jeder andere Politiker immer und immer wieder runterleiert. Es hätte der Grundstein für eine offene und vernünftige Diskussion sein können, bei der man nicht schon bei der Frage, ob es Krieg zu heißen hat oder nicht, hängen bleibt. Vielleicht ist so eine Diskussion noch möglich, aber das halte ich jetzt (erst recht) für unwahrscheinlich.
Stattdessen wird die Aussage unseres ehemaligen Bundespräsidenten als Fehlinterpretation dahingestellt und nun endgültig durch Köhlers Rücktritt aus dem Weg geräumt. Wer würde sich jetzt noch in der Öffentlichkeit auf dieses Interview beziehen (müssen), wenn sogar unser höchstes Staatsoberhaupt nach eigener Aussage genau deswegen sein Amt niedergelegt hat. Eine stärkere Distanzierung von diesem Argument als durch einen Rücktritt vom höchsten Amt der Bundesrepublik ist gar nicht denkbar.
Das Thema kann also in Ruhe unter den Teppich gekehrt werden und alles ist leider wieder so wie vorher. Eine traurige und unbequeme Wahrheit ist letztendlich vom Tisch.
Flattr - Wieviel Geld wird es wirklich bringen?

Ich habe mir nun auch einen Flattr-Account eingerichtet. Das Prinzip von Flattr ist einfach: Man überweist monatlich eine bestimmte Summe, zur Zeit sind 2€, 5€, 10€ und 20€ möglich, die dann auf die Klicks auf Flattr-Buttons, die man im Laufe des Monats tätigt, aufgeteilt werden. Kleines Beispiel: Spendest du 5€ und machst 10 Klicks, ist ein Klick auf jeden Button 50ct wert. Am Ende des Monats werden die “erklickten” Beträge an die Empfänger ausgezahlt. Pro Monat darf der Spender aber nur einen Klick auf denselben Button tätigen. An Blogger bspw. können aber durch individuelle Flattr-Buttons für jeden Artikel auch mehrere Klicks gespendet werden.
Genug der Erläuterungen. Worüber ich mir eigentlich Gedanken machen will, ist die Frage, wie viel das Flattr-System einem Blogger eigentlich an Einnahmen bringen wird. Viele werden es wohl im ersten Monat nur mit kleinen Beträgen testen. Ich finde es auch spannend und versuche es diesen ersten Monat mit 2€. Aber sind die Nutzer wirklich Bereit zweistellige Eurobeträge auf freiwilliger Basis jeden Monat zu spenden? Ich finde ja schon 5€ recht optimistisch.
Gehen wir mal vom kleinstmöglichen Betrag von 2€ aus. Allein schon, wenn man drei Beiträge am Tag flattert, kommt man auf knapp 100 im Monat. Die Zahl ist nicht ganz unwahrscheinlich, bedenkt man, dass Flattr-Nutzer (vorerst) eher netz-affine User sind, die täglich viele Blogbeiträge lesen und dementsprechend viel Flattr-Bedarf haben. Was ist dann eigentlich ein Klick wert? 2ct. Viel ist das nicht. Da müssen dann also schon ordentliche Klickzahlen zusammenkommen. Am besten vierstellige. Schauen wir uns mal die Top 5 an:

Ok, zur Zeit mangelt es an Usern, es ist eine closed Beta, in die man nur nach Einladung reinkommt. Trotzdem, nehmen wir mal Platz 1. 500 Klicks am Ende des Monats? Würde hier also bei 2ct pro Klick 10 Euro machen. Viel ist das nicht. Und sagen wir mal, die Klicks addieren sich über die Artikel verteilt auf z.B. 1000, also 20 Euro, viel ist es immer noch nicht. Und solche Flattr-Raten kriegen wohl schon eher die großen Blogs, die viel mehr Geld durch Werbung einbringen können.
Ich stelle mir also die Frage, wie viel Geld man wirklich mit Flattr “verdienen” kann. Geht es wirklich ums Geld? Ist es nicht viel mehr ein neuer “Like”-Button mit einem kleinen Obolus an den Blogger, der ihn aber mehr ehrt als finanziell unterstützt?
Klar, die Vision vieler (und vor allem der Flattr-Macher) ist wohl, dass Massen an Internet-Nutzern diesen Dienst nutzen werden. Vielleicht die Vision, dass sogar der Großteil im Netz flattert und nicht nur das, was ihm richtig gut gefällt, sondern was er gelesen hat und was nicht gerade schlecht war.
Ich muss zugeben, Vermutungen zu diesem Zeitpunkt sind gewagt. Auch Vermutungen in den ersten Monaten sind gewagt. Einen ersten Anhaltspunkt wird es immerhin am 1. Juni geben, wenn zum ersten mal abgerechnet wird und hoffentlich viele mal berichten, was an Klicks und Geld zusammengekommen ist. Immerhin ein interessantes Konzept, aber wohl mit offenem Ausgang. Ein Konzept das noch nicht erprobt wurde, sondern erst jetzt live am Nutzer erprobt werden muss.